Geschichte und Arbeit des Bürgervereins
Wenn man den Vereinsbegriff weit fasst, kann man sagen, dass das Vereinswesen in Kaldenkirchen eine über 600jährige Geschichte hat. Bis ins 19.Jahrhundert waren es die Bruderschaften, in denen sich Menschen aus sozialen, religiösen, aber auch aus Gründen der Geselligkeit zusammenfanden. 1409 wird bereits eine Marienbruderschaft (ons vrouwen broderscap) genannt. Nur 30 Jahre später ist schon die Kreuzbruderschaft erwähnt. Vor genau 500 Jahren tritt die Armenbruderschaft erstmals in Erscheinung.
Einen wahren Boom erlebte die Entwicklung des Vereinswesens im 19. und 20. Jahrhundert. Standesvereine, Musik-, Gesang- und Theatervereine, Sportvereine, Vereine zur Gestaltung der Freizeit, Schützenvereine, aber auch Vereine zur Förderung beruflicher Interessen schossen wie Pilze aus dem Boden.
Überwiegend wurden und werden damit gesellschaftliche Einzelinteressen bedient, was natürlich legitim ist. Das Selbstverständnis des Bürgervereins, der hier etwas gründlicher vorgestellt werden soll, ist von anderer Art: er sieht sich als Vertreter der Interessen aller Bürger der ehemals selbstständigen Stadt Kaldenkirchen, hat die Pflege von Kultur, Geschichte und Erscheinungsbild des Ortes insgesamt im Blick. Und ohne ein irgendwo festgelegtes Mandat dazu zu haben, sieht er sich auch gleichsam als „Dachverband“ aller Vereine in Kaldenkirchen.
Die Satzung des in der Rechtsform eines „e.V.“ verfassten Bürgervereins nennt ungewöhnlich ausführlich die umfassende Palette der selbstgesteckten Ziele, darunter Heimatkunde und Heimatpflege, Schutz der Denkmäler der Natur und der Geschichte. Gerade in den Jahrzehnten seit dem Verlust der kommunalen Selbstständigkeit Kaldenkirchens war und ist es wichtig, dass mit dem Bürgerverein eine Organisation existiert, die mit Selbstbewusstsein außerhalb der Kommunalpolitik identitätsstiftend in Kaldenkirchen wirkt und dazu beiträgt, dem Ort einen angemessenen Platz in der Stadt Nettetal zu sichern.
Und gerade auf den genannten Feldern hat sich der Verein große und, wie man heute modisch zu sagen pflegt, nachhaltige Verdienste erworben. Zur Kennzeichnung von Wert und Bedeutung des Vereins sollen einige wichtige Projekte, Initiativen und Arbeitsfelder des Bürgervereins aufgezeigt werden.
Wer durch Kaldenkirchen geht, findet an allen namhaften historischen Gebäuden informative Hinweisschilder – und er findet immer wieder Einheimische und Auswärtige, die sich hier gerne ins Bild setzen. Dasselbe gilt für die große 2012 im Ortskern (Bahnhofstraße/Klostergasse) aufgestellte Infotafel, die neben den einschlägigen Baudenkmälern und einer Darstellung der Festung Kaldenkirchen um 1650 auch einen chronologischen Überblick über Kaldenkirchens Geschichte vermittelt. In Parallelität zu dieser Maßnahme ist 2009 ein ansprechender, als handliche Broschüre gedruckter „Rundgang“ durch das historische Kaldenkirchen mit ausführlichen geschichtlichen Erläuterungen erschienen. Idee und Durchführung jeweils der Bürgerverein.
Neben der katholischen Kirche initiierte er 1990 die Aufstellung der Skulptur des Zigarrenmachers, die eine wichtige Phase der Kaldenkirchener Wirtschaftsgeschichte symbolisiert. An die harte Arbeit unserer Vorfahren in Zigarrenfabriken und in den Ziegeleien erinnerte der Bürgerverein mit der vielbeachteten Ausstellung „Pujacken in Kaldenkirchen“. Die als Roman verfassten Lebenserinnerungen des Zigarrenfabrikanten Hermann Montel gab er 2008 heraus.
Bleibend verdient gemacht hat sich der Bürgerverein um das Gedenken an die Geschichte und das Schicksal der Juden der kleinen Stadt. Gleiches gilt für die Kaldenkirchener Opfer der beiden Weltkriege. Ein würdiges unaufdringliches Denkmal an der Ecke Jahn-/Frankstraße, dem Ort des ersten jüdischen Friedhofes, wurde im Jahre 2000 errichtet. Am Standort der 1938 von SAAngehörigen zerstörten Synagoge wurde ein Granitband in den Straßenbelag eingebracht, das den Grundriss des Gotteshauses nachzeichnet. In der alten Friedhofshalle an der Grenzwaldstraße findet man auf großen Tafeln die Namen der hohen Zahl von Opfern des Zweiten Weltkrieges, die immer wieder erschrecken lässt, - ebenfalls eine Initiative des Bürgervereins.
Ein weiteres Beispiel für die Arbeit des Bürgervereins, das vielen Mitbürgern kaum bewusst ist, sind die Vorschläge, die er auf jeweilige Bitte der Stadt Nettetal bei der Namengebung von neuen Straßen machte und macht. Alle neuen Straßennamen der letzten Jahrzehnte in Kaldenkirchen (zum Beispiel im Baugebiet der Bischof-Peters-Straße) gehen auf Vorschläge des Bürgervereins zurück, der sich dabei bemühte, die Erinnerung insbesondere an um Kaldenkirchen verdiente Persönlichkeiten wach zu halten, und diese auch postum zu ehren. Auch hinter den vielen, zum Teil spektakulären Jubiläumsfesten, die der Bürgerverein 1980, 2006 und 2016 anregte und durchführte, steht das Anliegen, historisches Wissen und historisches Bewusstsein zu fördern. Außergewöhnlich gelungen und auch ungewöhnlich anspruchsvoll verlief das Festjahr zur Feier der 1206 belegten Ersterwähnung Kaldenkirchens im Jahre 2006. Fundierte historische Vorträge von renommierten Hochschullehrern und vor allem der dank bestem Wetter gelungene Festsamstag und -sonntag sind vielen in Erinnerung geblieben. Tausende kamen nach Kaldenkirchen; und das gleichzeitige Bahnfest u.a. mit dem Weltmeisterschaftszug von 1954 war ein Erfolg, der alle Erwartungen übertraf. Die Geschichte der Bahn stand auch im gemeinsam mit der Stadt Venlo gefeierten Jubiläum „150 Jahre Eisenbahn Kaldenkirchen-Venlo“ im Jahre 2016 im Mittelpunkt.
Auch diesmal war der Bürgerverein der Veranstalter. Ein Beispiel für die Verschiedenartigkeit der Bürgerverein-Aktivitäten mag die erfolgreiche Wiederbelebung des Kräuterbitters „L’ Estomac“ sein, der ein Jahrhundert zuvor von dem Kaldenkirchener Arzt Dr.Schrömbgens kreiert worden war, dann aber nicht mehr hergestellt wurde. Er ist heute wieder in vielen Gaststätten und Haushalten anzutreffen. Großes Engagement zeigt der Bürgerverein auch auf dem Gebiet der Mundartpflege.
Am bleibendsten sind zweifellos die vielen gründlichen Druckwerke, die der Bürgerverein im Laufe von Jahrzehnten angeregt, gefördert und herausgegeben hat. Alle der nachfolgend zu nennenden Publikationen wurden von weiten Kreisen der Bevölkerung dankbar und interessiert angenommen, stehen nicht nur in Bücherschränken, sondern werden auch immer wieder herangezogen.
Eine kompakte Bildinformation über das Kaldenkirchen des späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts stellen die beiden Bände „Gruß aus Kaldenkirchen“ dar, die 1987 und 1989 erschienen und auf der jahrelangen Sammeltätigkeit von Gregor Herter und Paul Moors beruhen. Die nur noch in wenigen Exemplaren vorhandene erste Kaldenkirchener Stadtgeschichte von Johann Finken aus dem Jahre 1897 wurde 1994 auf Initiative des Bürgervereins in einem unveränderten Nachdruck wieder aufgelegt. 1998 erschien dann nach mehr als 30jähriger mühevoller Archivarbeit meine zweibändige Stadtgeschichte Kaldenkirchens, die auf 1.150 Seiten die Geschichte der Stadt von den Anfängen bis zum Ende der kommunalen Selbstständigkeit auf wissenschaftlicher Basis präsentiert. Da sich eine Würdigung aus meiner Feder verbietet, aus einer der vielen positiven Rezensionen in landesgeschichtlichen Organen, nur ein Satz aus einer einschlägigen Zeitschrift der Universität Bonn zitiert: „Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Ortsmonographien ist die „Geschichte der Stadt Kaldenkirchen“ kein Buch für den Zeitvertreib, sondern stellt ein solides Werk dar, das mit Gewinn und Bereicherung gelesen wird.“ (Dr. Stefan Frankewitz). Seine „Heimstatt“ hat der Bürgerverein Kaldenkirchen im Bürgerhaus, dem ehemaligen Hauptzollamt, einem Baudenkmal aus der frühen preußischen Zeit der Grenzstadt. Ein von Gerhard Estler professionell gepflegter Internetauftritt des Bürgervereins stellt sicher, dass alle Facetten seiner Arbeit an jedem Ort der Welt zu verfolgen sind.
Es mag damit sein Bewenden haben, wenngleich vieles nicht genannt wurde. Auf jeden Fall hat der Bürgerverein über ein halbes Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass sich Kaldenkirchener mit ihrer Stadt identifizieren und das Kaldenkirchen eine vorteilhafte Außenwirkung entwickeln konnte. Personelle Stetigkeit in der Spitze des Vereins hat dazu sicher auch beigetragen. Nur drei Vorsitzende hat der Verein in dieser langen Zeit gehabt: den früheren Stadtdirektor Heinz-Günther Karrenberg, den ehemaligen ehrenamtlichen Landrat Hanns Backes und Heinz-Willi Schmitz. Die sehr vielen anderen, die zum Erfolg viel Fleiß, Ideenreichtum und Freizeitverzicht beigetragen haben, müssen leider an dieser Stelle ungenannt bleiben.
Erwähnt werden muss abschließend aber noch eine andere „Institution“ unter dem Dach des Bürgervereins: das Kaldenkirchener „Tabakskollegium“. Es entstand zunächst im Rahmen der Arbeit der Volkshochschule als Runde geschichtlich interessierter Laien, alten Kaldenkirchenern, die unter dem Eindruck der Verwerfungen und Verluste durch den Zweiten Weltkrieg den Entschluss fassten, Erinnerungen an Kaldenkirchens Geschichte wachzuhalten, mündliche Überlieferung zu pflegen, aber auch die Schriftquellen zu konsultieren. Gebündelt wurde dieses Bemühen in der Idee des Kaldenkirchener Lehrers Georg Dahlschen, ältere Bewohner des Ortes in mehr oder weniger regelmäßigen Treffen im „Alten Brauhaus“ zu befragen und die Ergebnisse in einer ansprechenden Reihe „Die Heimat“ festzuhalten, die im Oktober 1953 erstmals erschien. Vieles blieb so der Nachwelt erhalten, was sonst mangels gleichwertiger Schriftquellen untergegangen wäre. Für die 1950er und 1960er Jahre war diese Reihe die angemessene Antwort, auf das Fehlen einer modernen Stadtgeschichte zu reagieren. Mit dem originellen Namen „Tabakskollegium“ wurde an die legendäre Männerrunde König Friedrich Wilhelm I. von Preußen ebenso erinnert wie an die einst in Kaldenkirchen blühende Tabakindustrie.
2018 Prof. Dr. Leo Peters